Über die Yogamatten-Philosophie

Über die Yogamatten-Philosophie

 

oder: Widerstand gegen die Widerstandslosigkeit

 

 

 

Eine Yogamatte ist recht dünn. Trotzdem bietet sie ein hohes Maß an Komfort. Sich gedanklich, geistig von ihr zu erheben scheint immer schwerer zu fallen, wo sie doch einen so populären Rückzugsort darstellt, an dem man „endlich wieder zu sich kommen“ kann, an dem man „die Welt da draußen mal zurücklassen“ kann, an dem man sich „dem eigentlichen Sein“ widmen kann.

 

Nun bin ich als Sportwissenschafterin und Leiterin von Gymnastikkursen (darunter auch von Kinderyogakursen) die Letzte, die gegen die vielen positiven Auswirkungen von regelmäßigem Yoga-Treiben auf Körper und Seele wettern möchte. Was mich aber beunruhigt, ist die mit der immer weiter um sich greifenden Yogaphilosophie, bzw. eigentlich unserer westlichen Interpretation derselben, einher gehenden Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt . Ich frage mich oft, warum Yoga so populär ist und warum auch die östlichen Religionen oder Philosophien für uns so interessant sind, das christliche Denken jedoch immer mehr in den Hintergrund gerät, vom Sog der Kritik an Strukturen der römisch-katholischen Kirche mitgerissen wird. Was ist so reizvoll an Yoga und Co.?

 

Ich meine, es ist der Rückzug in die Widerstandslosigkeit, der es uns einfach macht, es uns in unserer recht bequem gewordenen Welt mit gutem Gewissen noch bequemer zu machen. Folgen wir den von Yogalehrern häufig getätigten Aussagen, dass es in Momenten, in denen es uns reicht, in denen wir Widerstand oder uns mitreißende Emotionen in uns wahrnehmen, das Beste und einzig weise wäre, die Yogamatte aufzusuchen, um unsere inneren Regungen hinten zu lassen, folgen wir diesen Lebensratschlägen in konsequenter Weise, öffnen wir einer durchaus gefährlichen Bequemlichkeit die Tür.

 

Ich beobachte, dass viel geschwiegen wird. Es wird geschwiegen, wenn Ungerechtigkeiten geschehen. Es wird „Ruhe bewahrt“, wenn andere Menschen oder man selbst offensichtlich schlecht behandelt werden. Es wird „abgewartet“, ob die Klimakrise uns jetzt dann einmal spürbar erreicht oder eben nicht. Es wird zugesehen, wenn Konzerne sich über moralische Richtlinien hinwegsetzen, um zu mehr Profit zu gelangen.

 

Und ich werde selbst immer wieder ruhig gestellt mit Aussagen wie: Reg dich nicht auf, das lohnt sich nicht. Bleib bei dir. Geh eine Runde laufen, damit du dich nicht so ärgern musst.

 

Ja, ich mag ein Hitzkopf sein und meine Emotionen können mich durchaus ergreifen. Doch glaube ich nicht, dass es hier in diesem Artikel um mich geht. Mir liegt es viel mehr am Herzen, die Aufmerksamkeit auf eine mögliche Fehlentwicklung und für unsere westliche Welt ungeeignete Interpretation des yogischen Denkens zu lenken. Denn ich beobachte in mehrerlei Hinsicht Strömungen, die mich sehr beunruhigen und von denen wir ihre Auswirkungen noch nicht kennen, da wir die erste Generation sind, die innerhalb dieser Strömungen groß geworden ist und sich somit schwer tut, eine Außenperspektive einzunehmen.

 

Ein Bereich, in dem ich Beunruhigendes wahrnehme, ist der der Kindererziehung. Ich fürchte, dass wir Eltern immer mehr dazu neigen, unseren Kindern keinen oder zu wenig Widerstand mehr zu bieten, möge ihr Verhalten auch noch so unverständlich und anderen Menschen schadend sein. Wir dulden, da uns gesagt wurde, dass unsere Beziehung zu unseren Kindern sonst am Spiel steht. Und wir dulden, weil Erziehung und konsequentes Verhalten anstrengend sind. Wir lassen sie fernsehen, lassen sie Computerspielen, lassen sie mehrere Stunden am Tag mit ihren Handys spielen. Wir erlauben es, dass sie etliche Kurse besuchen und mittendrin wieder abbrechen, unabhängig davon, was das mit den Kursleitungen oder auch mit den anderen Kursbesucher*innen macht. Wir lassen uns „blöde Mama“ schimpfen ohne unseren Kindern zu zeigen, dass dies uns verletzt.
Widerstand ist anstrengend. Aber er zerstört keine Beziehung. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass das Gegenteil der Fall ist. Für Beziehung braucht es Widerstand, von beiden Seiten, von Kinderseite und von Elternseite. So, wie Neugeborene weiterhin körperliche Nähe und starke Arme, die sie halten können, benötigen, um ihre eigenen Grenzen zu spüren, brauchen größere Kinder die Nähe zu klaren Menschen, die nicht wie Fahnen im Wind jeder Laune des Kindes nachgeben. Diese kindlichen Launen sind doch genau das: Fragen an uns, ob wir auch wirklich da sind; nicht, ob der weiche Polster, mit dem man machen kann, was man will, da ist, sondern ob WIR da sind.

 

Ein weiterer Bereich ist ein gesellschaftlicher, über die Familie hinausgehender. Wir sind (hoffentlich) fast alle Teile irgendwelcher Gemeinschaften, ob im Verein, einer Kirche, einer Partei etc. Auch hierin beobachte ich um sich greifende Widerstandslosigkeit, ein vermeintlich weises Sich Zurücknehmen, wenn es um Dinge geht, die einem selbst oder Anderen weh tun oder ungerecht erscheinen. „Es bringt doch nichts“. Ja, mag sein, dass Widerstand Kraft benötigt, doch ist jeder gerechtfertigte Widerstand auch ein erster Schritt in eine andere Richtung, und wenn es auch nur darum geht, der Erste zu sein, der sich auflehnt. Diese Auflehnung regt aber unweigerlich zum Nachdenken an. Sie wird nicht sinnlos sein!

 

Und als letzte Dimension möchte ich die einer noch größeren Gesellschaft, möglicherweise die ganze mitteleuropäische oder gar ganze westliche Gesellschaft ansprechen. Uns geht es größtenteils unsere Lebensbedingungen betreffend, ziemlich gut. Wir sind existentiell abgesichert und haben Entwicklungsmöglichkeiten (wobei mir vollkommen klar ist, dass es auch unter uns viel Armut und existentielle Nöte gibt!). Da es uns so gut geht, ist der Veränderungswunsch wahrscheinlich nicht sonderlich groß. Da kommt uns diese vermeintlich yogische Philosophie des „Reg dich nicht auf, geh lieber auf deine Matte“ gerade recht. Sollten wir Entwicklungen beobachten wie zum Beispiel (und ja, in diesem Bereich bin ich schon einmal kämpferisch), dass wir sogar die kürzesten Wege mit dem Auto zurücklegen, vielleicht auch einfach, weil unser liebes Kindergarten- oder Schulkind keine 200 Meter zu Fuß gehen will, obwohl wir ja doch wissen, dass Bewegung wichtig ist und zugleich die Umwelt unter diesen unscheinbaren Autokilometern leidet, lehnen wir uns nicht auf. Es machen ja alle, also ist auch mein eigenes Verhalten, also jede Autofahrt, gerechtfertigt. Eine Greta Thunberg ist uns da ein Dorn im Auge. Denn sie ist einfach zu jung, um über uns Ältere urteilen zu dürfen. Punkt. Keine ihrer Aussagen hat so mehr einen Wert für uns.

 

Vor dieser Bequemlichkeit habe ich Angst. Ich habe Angst, dass wir mit ihr uns selbst, der gesamten Menschheit und der Welt, die uns unser Leben ermöglicht, schaden.

 

Ich habe Angst, dass wir die yogische Philosophie für das Falsche anwenden. Nicht, um uns zu besinnen, um dann differenzierter und reflektierter an unser eigenes Verhalten und an unsere Umwelt herangehen zu können, sondern um es uns bequem zu machen im Rückzug und der Widerstandslosigkeit.

 

Ich fände es positiv, sich hier des Öfteren zu fragen, was Jesus getan hätte. Er war ja zweifelsohne ein Mensch, der überall dort Widerstand geleistet hat, wo Fehlentwicklungen zu Ungerechtigkeiten geführt haben. Vielleicht sollten wir uns manchmal auch aus der Yogablase herausbewegen, um uns im ursprünglich christlichen Sinn an die unbequeme Position des/der Widerstand Leistenden zu stellen.

 

Danach wäre die Yogamatte ein idealer Zufluchtsort, bestens geeignet für den Rückblick auf das, was wir möglicherweise durch unseren Widerstand erreichen konnten.

 

Neujahrsvorsätze

Der Zauber der Neujahrsvorsätze

 

 

 

Ein Jahreswechsel geht bei Vielen von uns mit der Angewohnheit einher, sich Vorsätze für das neue Jahr zu suchen. Bei mir selbst habe ich heuer beobachtet, dass sie meine Vorsätze von Jahr zu Jahr teilweise wiederholen, der Jahresrückblick aber zeigt, dass ich sie ebenso teilweise kaum eingehalten habe. Auf die Frage, warum das so ist, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Jedem Anfang – und auch jedem Jahresanfang – wohnt ein gewisser Zauber und auch eine meist große Bereitschaft inne, Altes zurückzulassen, um Neuem Platz zu geben. Nun ist ein solcher Zauber aber nichts Bleibendes, da nach den Feiertagen der Alltag wieder einkehrt und sich das Gewohnte seinen üblichen Platz suchen will, sodass die Einhaltung von Vorsätzen eine sehr große Disziplin erfordert und möglicherweise bedingt, Gewohnheiten aufzugeben. Das ist nie einfach und in einem ohnehin fordernden Alltag fast unmöglich. Sollte bei Jemandem von euch oder bei Jemandem, den ihr kennt, mehr Bewegung ein Neujahrsvorsatz sein, möchte ich folgende Selbsterfahrung mit euch teilen:

 

 Am ehesten gelungen ist mir die Einhaltung von Vorsätzen dann, wenn es sich um „kleine“ Vorsätze handelte, die relativ einfach in den Alltag einbaubar sind. Da ich mich als Sportwissenschafterin und leidenschaftliche Bewegerin mit dem Bewegen besser auskenne als bei guten Vorsätzen anderer Art, möchte ich euch ein Beispiel aus meinem Bewegungsalltag liefern: Ich ließ mich vor einigen Jahren zur Kinderyoga-Übungsleiterin ausbilden, und im Laufe dieser Ausbildung nahm ich mir vor, jeden Tag eine Yogasequenz zu machen. Dieses Vorhaben stresste mich schnell und nahm mir die Lust an Yoga, ließ Groll gegenüber mir und Neid gegenüber den Menschen aufkommen, die jeden Tag Zeit für eine ganze Yogaeinheit haben. Erst durch die Reduktion dieser Sequenz auf eine sehr kurze Sonnengruß-Variation,  schaffe ich es seit einiger Zeit beinahe jeden Tag kurz zu „yogieren“ – oft auch im Badezimmer, wenn die Kinder ihre Zähne putzen ;-). Ebenso freut sich mein Beckenboden über die zumindest dreimal wöchentlich stattfindende Übungseinheit beim abendlichen Ins-Bett-Begleiten der Kinder. Ohne diesen Einbau in den Alltag verschwinden meine Vorsätze im Trubel der Alltagsgedanken.

 

Mein Rat ist also folgender: Sollte sich jemand mehr Bewegung für das neue Jahr vorgenommen haben, ist es nach meiner Erfahrung am zielführendsten, den Alltag damit zu bereichern, indem diese Bewegung Teil jeden Tages wird.

 

  • Zum Beispiel könnte man an mehreren Tagen in der Woche, in denen es zeitlich und logistisch möglich ist, die kurzen Wege mit dem Rad oder zu Fuß statt mit dem Auto zurücklegen.

 

  • Oder man könnte sich jeden Morgen kurz vor dem offenen Fenster durchbewegen (Arme Kreisen, Körper Drehen, Strecken und Beugen von Gelenken etc.). Vielleicht stellt ihr euch ja selbst eine kurze Bewegungsabfolge zusammen.

 

  • Gibt es Rolltreppen und Lifte in eurem Alltag? Die Stufen bieten eine bewegungsintensive Alternative.

 

  •  Wenn ihr Kinder habt, könntet ihr euch ja aus dem Internet einige Yoga-Asanas zusammensuchen, die ihr jeden Abend gemeinsam macht. Meiner Erfahrung nach lieben Kinder diese Figuren, die oft nach Tieren benannt sind. Auch ein Bewegungstanz für Kinder kann für Klein und Groß ein schönes Tagesritual darstellen. Auch hier bietet das Internet genügend Material.
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Von Herzen wünsche ich euch ein Jahr voller fantasievoller Bewegungsideen.

 

Liebe Grüße,

 

eure Margot

 

 

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