Liebe liebende Menschen!
Schließen wir unsere Augen. Denken wir an die von uns geliebte Person, derentwegen wir zu dieser Paarsegnung gekommen sind. Wie riecht sie? Wie klingt sie? Wie fühlt sie sich an? Wenn wir einer Person sehr nahe stehen, sie lieben, haben wir meist auch ein sehr sinnliches Bild von ihr. Wenn wir an den Beginn des gemeinsamen Weges oder an die erste Verliebtheit denken, erinnert sich vielleicht – nein, sicher sogar - auch unser Körper an die gegenseitige Annäherung, an die ersten Berührungen. Liebesgeschichten sind Geschichten der Sinne. Das hören wir auch in Annies Song vom Beginn des Gottesdienstes:
Liedtext von Annies Song, 1. Strophe
You fill up my senses
Like a night in a forest
Like the mountains in springtime
Like a walk in the rain
Like a storm in the desert
Like a sleepy blue ocean
You fill up my senses
Come fill me again
Wir hören auch davon im Hohelied der Liebe:
Meine Taube im Felsennest, / versteckt an der Steilwand, dein Gesicht lass mich sehen, / deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, / lieblich dein Gesicht.
Und im Johannesevangelium:
Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.
Denn auf einmal weiß sie es. Als er sie anspricht, wie er sie auch vor seinem Tod angesprochen hat, mit dieser Stimme und diesem Tonfall, die ihr so vertraut sind, sie so sehr berühren.
Liebe ist Begegnung, die durch Mark und Bein geht. Heute ist oft die Rede von Ganzheitlichkeit. Wir erfahren ganzheitliche Gesundheitsbehandlungen, als wäre es etwas Neues, dass der Mensch eine Verbindung aus Körper, Geist und Seele ist. Körper, Geist, Seele - Hilfsbegriffe, um das Vielseitige des Menschen zu beschreiben, die es aber nie gänzlich zur Sprache bringen. So bringt auch der Begriff der Ganzheitlichkeit nicht ausreichend zur Sprache, was es bedeutet, ganzheitlich zu sein. Wir können es nämlich gar nicht anders, wir können nur ganzheitlich sein, wir können nie nur Körper, nur Seele, nur Geist sein. Und all die für uns bedeutsamen Dinge des Lebens, erfassen wir ganzheitlich. Das, was wir wirklich lieben, lieben wir ganzheitlich. Den Menschen, den wir wirklich lieben, lieben wir ganzheitlich. (Wahre) Liebe ist durch und durch ganzheitlich.
Im Alltag, im Erledigen, ToDos-Abhaken neigen wir zur Kopflastigkeit und zur Entsinnlichung, zur Trennung von Körper und Seele und Geist. Wir beginnen zu erklären, warum wir etwas wie machen. Und warum wir etwas wie fühlen. Warum wir etwas oder jemanden lieben. Und stoßen dabei unweigerlich an unsere sprachlichen Grenzen.
Wir leben noch dazu in einer Welt, die sich der Entsinnlichung preisgibt. Unsere Kontakte werden immer digitaler. Wir sehen, spüren, riechen einander seltener, da wir uns ja schon ausreichend im digitalen Raum begegnet sind. Wir gehen weniger ins Freie, da das Handy unendlich viel Zeitvertrieb bietet und uns die Nähe zur Außenwelt mittels Bildschirm vorgaukelt.
Die Kunst aber kann uns an unsere Sinnlichkeit erinnern. Es gibt unzählige Liebeslieder, die versuchen, das Gefühl des innigen Liebens in Ton und Wort zu bringen. Manchmal fühlen wir uns durch diese Lieder berührt, erinnert an eigene Empfindungen zu einem anderen Menschen.
Und wir merken, wie gut dieses Gerührt-Sein tut, wie lebendig es macht, wie nah wir der Essenz des Lebens sind…
Auch wenn wir selbst keine Komponist:innen, Künstler:innen, Liedermacher:innen sind, können wir diese Essenz des Lebens in unseren Alltag bringen. Wir können einander fühlen, in unserer sinnlichen gegenseitigen Wahrnehmung. Dann, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen und sich unsere Hände befühlen. Wenn wir einander umarmen, zur Begrüßung, zur Verabschiedung, zwischendurch. Wenn wir uns küssen. Wenn wir uns in die Augen schauen. Wenn wir nebeneinander einschlafen und aufwachen. So gewohnt unser Zusammensein auch ist – es hält sinnliche Zauberwelten für uns bereit, in die wir uns fallen lassen können. Sie haben das Potential, unseren Alltag mit kräftigen Farben zu verschönern. Und sie lassen die Dankbarkeit für unseren Partner / unsere Partnerin, die wir tief im Herzen tragen, an die Oberfläche dringen.
Dann denken, fühlen, begreifen wir: Danke, dass du da bist. Danke, dass du da bleibst, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich liebe dich.
Dieses wunderbare, sinnliche Dankbarkeitsgefühl wünsche ich uns allen.
